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Let's build a time machine - Druckversion

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RE: Let's build a time machine - Adrian Taylor - 21.02.2026

In der Theorie wusste er, dass es so etwas gab. Menschen, die für ihre Annehmlichkeiten oder Erfolge kaum einen Finger krumm machen mussten, weil sie Leute hatten, die das für sie übernahmen. Er selber war allerdings fernab solcher Kreise aufgewachsen. Seine Familie war nicht arm gewesen, aber dafür hatten seine Großeltern und sein Vater auch hart arbeiten müssen. Die Arbeit im Restaurant war kräftezehrend gewesen und trotzdem hatte man sie gerne gemacht. Die finanzielle Not hatten sie jetzt, wo sein Vater im Gefängnis saß und nichts zum Familieneinkommen beitragen konnte und seine Großeltern zu alt waren um weiter zu arbeiten. Die geringe Rente und der kleine Bonus an staatlicher Hilfe reichten kaum zum Leben. Immerhin war das Haus abbezahlt. Trotzdem ging Adrian neben der Schule arbeiten. Er wollte nicht, weil er einfach kein gutes Gefühl dabei hatte, seine Großeltern alleine zu lassen, aber was sein musste, musste halt sein. Besser wäre es, er könnte die Zeit, in der er Tische in einem Diner abräumte und säuberte, nutzen um zu lernen, aber daran, dass das Leben kein Wunschkonzert war, hatte er sich schon lange gewöhnt.
Kurzum: Er und River waren sehr unterschiedlich aufgewachsen. Was sie allerdings verband, war dass sie gerade keine Lust mehr zu diskutieren hatten und so schluckte Adrian sämtliche Antworten, die ihm in den Sinn kamen herunter und beließ es bei einem einfachen „Okay“.

Beim Schuppen sah er dann aber doch etwas unsicher zu River. „Bist du dir sicher?“ Er würde einfach so Geld hierfür bekommen? Okay, seine Familie hatte es scheinbar. Aber trotzdem, nur weil sie das hatten, hieß es ja nicht, dass sie es auch ausgeben wollten. Vor allem… „Wissen die, mit wem du das Projekt machst?“, fragte er dann etwas verunsichert und dachte für einen Moment nicht daran, dass Rivers schulischer Erfolg für seine Familie wohl wichtiger war, als dass der Sohn des städtischen Totfahrers versagte. „Aber ja, klar. Ich kann das Malen übernehmen.“ Davon war er ohnehin ausgegangen.

Dann kam sein Großvater und nachdem er wieder im Haus verschwunden war um Tomaten zu schneiden, zuckte Adrian kurz mit den Schultern. „Nein, eigentlich nicht.“ Ich will gerade nur mit dir alleine sein, du Idiot. „Aber manchmal schon. Im Grunde ist er aber voll okay. Nur halt… na ja, alt.“ Er sagte das, als würde das alles erklären, hatte aber keine Ahnung, wie weit das wirklich auch nur irgendwas für River klarstellte.
„Hast du einen Führerschein?“, fragte er dann, als River meinte, sein Onkel könne fahren, „mein Großvater würde uns bestimmt sein Auto leihen, aber ich hab keinen Führerschein. Ansonsten können wir aber auch mit deinem Onkel fahren, kein Problem.“ Der Schuppen wurde wieder abgeschlossen, dann sah er zu River. „Na dann, komm rein. Ich mach Essen. Dauert nicht lange.“ Immerhin hatte er alles schon vorbereitet.

Gemeinsam ging man also wieder in die Küche und nachdem Adrian sich die Schuhe ausgezogen und die Hände gewaschen hatte, setzte er einen Topf mit Pastawasser an und warf einen Blick auf das Schneidebrett mit fertig gewürfelten Tomaten. Na gut, dann gab es wohl Salat zu den Nudeln. Aus dem Kühlschrank holte er erst mal einen Topf mit Sauce, den er auf den Herd stellte und dann weitere Salatzutaten. Der Herd wurde angestellt, dann begann er in einer Routine das Grünzeug zu schneiden, das offensichtlich war, dass er das nicht zum ersten Mal machte. „Findest du hier eigentlich wirklich alles so scheiße?“, fragte er dann, während er Gurkenscheiben viertelte.


RE: Let's build a time machine - River Ingram - 18.04.2026

Sie waren gerade erstaunlich zivilisiert miteinander. Irgendwann war man es auch einfach müde, die ganze Zeit schlechte Laune zu haben war einfach anstrengend. Ein wackeliger Frieden zwischen ihnen, als River untätig im Schuppen herumstand und Adrian dabei beobachtete taugliches Material zu finden. Manchmal war River gar nicht so klar wie privilegiert er wirklich war. Nie hätte er einen Gedanken daran verschwendet auf das zurückzugreifen, was eventuell schon vorhanden sein könnte. Sein Vater hatte nun nicht sehr viel Wert darauf gelegt, dass sein einziges Kind bodenständig blieb, wo er doch selber gerne zeigte, was er alles hatte. Und die Lebensweisheiten des Kindermädchens waren irgendwann ins Hinterstübchen der Gedanken gerückt.

„Klar bin ich sicher“, antwortete er Adrian schließlich mit einer absoluten Selbstverständlichkeit. „Ich bin hier um gute Noten zu kriegen und ein anständiges Mitglied der Gesellschaft zu werden“, sagte er mit einem ekligen Unterton in der Stimme, der sehr deutlich machte, was er von der ganzen Sache hielt. Sein Leben war doch gut gewesen! Er hatte auch Zuhause gute Noten gehabt. Nur da hatte sich noch niemand dafür interessiert. Anerkennung hatte es nie gegeben. River war noch zu jung um zu erkennen, was er eigentlich für eine sorry excuse eines Vaters hatte. „Ich kriege alles, was ich für die Schule brauche.“ Das war aber auch das einzige, wo es keine finanziellen Grenzen gab. „Und nein, sie wissen nicht, mit wem ich das Projekt mache. Ist das relevant?“ Für River machte es keinen Unterschied, ob er nun mit dem Homecoming King oder dem Bodensatz der Schülerschaft zusammenarbeitete. Er war gerecht genug zu allen gleich abweisend zu sein. Und was interessierte es ihn schon, was wessen Vater getan hatte, wenn es ihn so gar nicht tangierte? Nach seinem Abschluss, der gefühlt noch 10 Jahre entfernt lag, würde er sich eh wieder von hier verpissen. Und was vor seiner Ankunft in der Stadt passiert war, juckte River herzlich wenig. Andererseits kannte er das ja auch, den Druck beliebt sein zu müssen, ein Image aufrecht zu erhalten, etwas darzustellen. An seiner alten Schule hatte er zu den beliebten Kids gehört. Aber jetzt war er wie komplett ausgewechselt, und das nur aus reiner Bockigkeit. Würde er sich nicht vor allem verschließen, dann hätte er vielleicht gute Freunde finden können. Wollte er aber nicht.

Irgendwie wurde es ein bisschen awkward, als Adrians Opa bei ihnen vorbeischaute. Immerhin blieb River brav an Ort und Stelle stehen und hielt den Mund, zumindest bis er wieder weg war. Eigentlich nicht. Hatte nicht ganz so ausgesehen. Trotzdem zuckte River nur mit den Schultern und ließ das einfach mal so stehen. Er hatte ja keine Ahnung, was wirklich abging. „Alte Leute sind komisch.“ Die rochen auch so merkwürdig. Zumindest soweit River sich noch daran erinnern konnte. An seine Oma, die einzige, die er noch kennengelernt hatte. Alle anderen Großeltern waren schon so früh gestorben, dass er sich nicht an sie erinnern konnte. Er hatte sie mal auf Fotos gesehen, aber verband einfach nichts mit diesen Gesichtern.

Die Frage nach dem Führerschein erwischte ihn eiskalt. Er hatte den Mund schon geöffnet, um die Frage zu bejahen, dachte dann aber, dass es einfacher wäre einfach Nein zu sagen. „Hab keinen“, sagte er also schließlich, was ja eigentlich auch nicht gelogen war. Er hatte aktuellen keinen physischen Führerschein. Aber eigentlich wollte er nur nicht erklären, dass er absolutes Fahrverbot hatte, als Teil seiner Strafe im Exil. Er hätte halt Daddys Auto nicht schrotten sollen. Also eigentlich war das ja noch nicht mal der letzte Nagel in seinem Sarg gewesen, sondern der Vorfall mit der Frau seines Vaters. Und darüber wollte River noch viel weniger reden. „Mein Onkel fährt uns schon, wenn er Zeit hat.“ Wie der eigentlich zu Adrian und dessen Vater stand, da hatte River sich noch gar keine Gedanken drüber gemacht.

Er folgte Adrian zurück in die Küche und setzte sich an den Tisch. Ob Bruno sich wieder zu ihnen gesellen würde? Hunde waren River gerade echt lieber als Menschen. River sah Adrian beim Essen machen zu, etwas, das er selber nicht konnte, weil es ihm nie jemand beigebracht hatte. Und wieso selber kochen, wenn man was bestellen konnte? Oder wenn es Angestellte gab, die einem etwas machen konnten? Und nun? Nun musste er sich sogar seine Stullen für die Schule selber schmieren! Das Leben war einfach nur ungerecht.

Konversation wollte er eigentlich nicht betreiben, aber die Stille im Raum war noch viel schwerer zu ertragen, weil ständig die Erwartung mitschwang, dass doch irgendwer etwas sagen müsste. Also entweder war es gut oder schlecht, dass Adrian mit ihm redete. „Ich finde es ziemlich scheiße, ja. Hier ist einfach nichts los, hier kann man höchstens Kühe schubsen. Keine Mall, kein Kino, gar nichts. Wo hängt ihr überhaupt ab? Die Architektur ist hässlich. Hier kann man einfach gar nichts machen!“ Doch. Spazieren gehen konnte man. Und das war überraschend gut für Rivers literarischen Ergüsse, aber spannend war das nicht. „Und die meisten in der Schule sind dumm. Was interessiert mich denn irgendwelcher Tratsch?“ River hätte tatsächlich gerne intelligente Gespräche geführt, aber er hatte hier noch niemanden getroffen, den er dafür als würdig erachtet hätte. Könnte eventuell auch daran liegen, dass er nie jemanden über oberflächliche Themen hinaus hatte mit ihm reden lassen. Wenn man keinen kennenlernen wollte, konnte man auch nicht wissen, was im Kopf der anderen vor sich ging. „Außerdem riecht es hier überall nach Kuhscheiße!“, fügte er noch hinzu. Ekelhaft.


RE: Let's build a time machine - Adrian Taylor - 02.05.2026

„Also… warst du das vorher nicht?“, fragte er und sah ihn dabei tatsächlich interessiert an. Er nahm schon wahr, dass da ein gewisser Unterton in der Stimme seines Mitschülers lag, aber oft verbarg sich unter so einem Ätzen und Sarkasmus ja auch ein Funke Wahrheit. Zeitgleich wusste Adrian aber auch, dass die Noten des Anderen keine Katastrophe waren und er konnte sich auch nicht vorstellen, dass er irgendwas angestellt hatte, was ihn als anständiges Mitglied der Gesellschaft disqualifizierte. Klar: Er war kein heiterer Sonnenschein, also zumindest nicht hier in Marblehead, aber bestimmt hatte er nichts verbrochen, wofür man ihn wegschicken musste? Zugegeben: Adrian konnte sich einfach generell nicht vorstellen, dass liebende Eltern ihre Kinder fortschickten. Wohin auch immer! Sein Vater hätte das nie im Leben gemacht. Seine Mutter vielleicht, aber die hatte noch nie an seinem Leben teilgenommen. Was sie machen würde, wenn man sich plötzlich als für ihn verantwortlich erklärte, wusste Adrian nicht. Wollte er auch gar nicht – vor allem, weil er gar nicht an die Frau denken wollte, die ihn nie geliebt hatte, ihn nie hatte haben wollen. Als sei er ein Fehler, etwas, was nicht auf diese Welt gehörte. Ob Rivers Eltern auch so über ihn dachten?

Hm. Gute Frage: War es relevant, dass Rivers Familie wusste, mit wem er das Projekt machte? Für einen Moment, vielleicht waren es auch zwei, sah Adrian den Anderen einfach nur an, ehe er seinen Blick dann abwandte, als habe er sich verbrannt. „Weiß nicht. Also ob das für deine Familie relevant ist. Vielleicht wollen sie nicht, dass...“ Ihr Neffe mit dem Kind eines Mörders zusammenarbeitete. Das mochte rein juristisch nicht der richtige Begriff für seinen Vater sein, war aber trotzdem das, als was er im Ort meistens bezeichnet wurde. Adrian hasste das, weil es nicht stimmte und ein Bild von seinem Vater zeichnete, das einfach nicht der Wahrheit entsprach. Etwas sagen tat er trotzdem nie, weil es nun mal wahr war, dass sein Vater zwei Menschen auf dem Gewissen hatte und Wortklauberei sich da falsch anfühlte. Und zu einem Teil auch, weil er sich nicht selber noch weiter in die Schussbahn bringen wollte.
Vielleicht war es auch ganz gut, dass die Situation dann kurz von seinem Großvater aufgelöst wurde, auch wenn Adrian dann nur leicht mit den Schultern zuckte. „Ja, schon irgendwie.“ Komisch. Eigentlich sah er das gar nicht so, aber sie stritten gerade nicht, also stimme er ihm lieber zu. Und verstehen konnte er das ja auch, vor allem, wenn er seine Oma dachte und an die Dinge, die sie mit ihrer fortschreitenden Demenz so sagte oder machte. Er glaubte allerdings, dass das nicht die Sorte von komisch war, die River meinte.

Sie hatten also beide keinen Führerschein. Tatsächlich wunderte Adrian das ein wenig, er hätte damit gerechnet, dass jemand in ihrem Alter, der das Geld für Markenklamotten und solche Dinge hatte, auch im Besitz eines Führerscheins war. „Du hast vorher in ner Großstadt gelebt oder? War da bestimmt einfacher ohne Auto.“ Vielleicht hatte er es also auch einfach nicht als nötig erachtet. Wobei auch Großstädte in ihrem Land ja oft wirklich peinlich unterversorgt mit öffentlichem Nahverkehr oder Fußwegen waren. „Aber gut, wenn dein Onkel uns fahren kann. Mein Opa könnte sonst bestimmt auch fahren.“ Lieber war es ihm aber, wenn Rivers Onkel sie fuhr. Einfach weil sein Großvater alt war und Adrian bereits mitbekommen hatte, dass er nicht mehr sehr sicher Auto fuhr.

Etwas später waren sie dann wieder in der Küche und natürlich kam Bruno wieder dazu. Die Küche bedeutete immerhin, dass der Hund vielleicht etwas abstauben konnte. Von Adrian wurde er aber vorerst ignoriert, immerhin musste er sich ums Essen kümmern und das Gespräch mit River am Laufen halten. Er konnte dann aber doch nicht anders, als leicht zu grinsen. „Kühe schubsen, ernsthaft?“ Es gab hier doch kaum Kühe! Klar gab es ein wenig Landwirtschaft, aber wenn die mit Tieren verbunden war, dann eher mit Pferden für die weiße Wohlstandsgesellschaft. Trotzdem ging er auf die weiteren Fragen an. „Na ja, manchmal treffen sich ein paar Leute am Strand.“ Davon hatten sie als Halbinsel wirklich genug. „Und das nächste Kino ist auch nicht sooo weit weg. Mim Auto sind das vielleicht 20 Minuten.“ Bei der nächsten Sache musste er ihm aber definitiv zustimmen. „Ja, die Leute in der Schule sind wirklich dumm. Ich kann die auch nicht leiden.“ Früher schon, bevor er der Fußabtreter für einfach alle geworden war. Da hatte er Freunde gehabt, die ihn nicht mal mehr ansehen wollten. Es war also ziemlich leicht zu behaupten, alle blöd zu finden.

Schon wieder Kühe. Dieses Mal in Form von ihren Hinterlassenschaften. Adrian konnte nicht anders, er musste nun wirklich lachen. Er lachte River ja noch nicht mal aus, aber was war denn plötzlich sein Problem mit Kühen, die es hier kaum gab? „Kühe sind wohl echt dein Thema, was?“ Noch immer musste er grinsen, während er mal in der Sauce rührte und mal in den Spaghetti, damit die am Ende nicht zusammenpappten.
„Welche Architektur magst du?“, fragte er dann jedoch. Immerhin hatte River auch die Architektur kritisiert und wenn man in Betracht zog, dass sie in einem Ort der verdammten Oberschicht lebte, die es schon bevorzugte in hübschen Häusern zu leben, war das einfach eine gewagte Aussage. Er griff zu Pfeffer um davon etwas in die Sauce zu geben und sah dann zu dem Chilipulver, das er selber hergestellt hatte. „Magst du scharfes Essen oder eher nicht so?“


RE: Let's build a time machine - River Ingram - 21.05.2026

Ich war ein absoluter Engel“, gab River sarkastisch zurück, sein Blick giftig. Er würde Adrian jetzt ganz bestimmt nicht seine Leidensgeschichte zu Füßen legen. Warum auch? Ging keinen was an. Er musste nicht wissen, dass River gegen die Gleichgültigkeit seines Vaters rebelliert hatte, und das bis zu einem Punkt, der ihn nach Marblehead gebracht hatte. River wollte sich nicht eingestehen müssen, dass alles seine Schuld war, denn er war nicht der Einzige in dieser Geschichte, der Mist gebaut hatte. Eltern sollten doch für ihre Kinder da sein und sie lieben, oder etwa nicht? River fühlte sich von seinem Vater nicht geliebt. Wahrscheinlich hatte selbst Adrians Knastvater mehr Liebe für seinen Sohn übrig. Was mit seiner Mom war, davon hatte River keine Ahnung. War halt nicht im Bilde, und er fragte nicht nach. Gott bewahre, dass er sich über tiefgründige und vor allem persönliche Themen unterhielt.


Rivers Onkel und Tante waren dazu da ihn zu erziehen, das, was sein Vater nicht auf die Reihe gekriegt hatte, weil da hätte man sich ja Mühe geben müssen. Sie waren dazu da ihm den rechten Weg zu weisen. Gehörte dazu auch sich nicht mit dem Spross des hiesigen Todesfahrers abzugeben? River dachte kurz nach. Und kam dann zu dem Schluss, dass es ihm egal war. Seine Babysitter hatten zwar gerade sehr viel Einfluss auf seine nächste Zukunft, ob sie Mr. Ingram sagten, dass River doch zu ungehorsam war und auf die Militärschule musste, aber sie konnten ihm nicht vorschreiben, mit wem er zu tun hatte, wenn sie nichts davon wussten. River hatte keine Angst vor ihnen. Er würde noch eine Weile brauchen, um es wirklich zu sehen und zu begreifen, aber die beiden waren bessere Eltern, als sein Vater es je hätte sein können. Sie interessierten sich wenigstens für ihn. Aktuell aber kam es River eher nervig und einengend vor. Das war nicht die Liebe, die er haben wollte. Die, die er brauchte, bekam er allerdings nicht.


Seinen Führerschein hatte River sehr wohl gemacht, natürlich hatte er das. Und natürlich hatte es zum 16. auch ein schickes Auto für ihn gegeben. Trotzdem war er lieber das von seinem Ad gefahren, wenn er konnte, um ihm auf den Keks zu gehen. Bis er die glorreiche Idee gehabt hatte es vor einen Baum zu setzen. Jetzt wurde höchstens nur noch Fahrrad gefahren, aber wer zum Teufel fuhr in seinem Alter noch Rad? Niemand. Adrian bot ihm eine sehr gute Ausrede dafür, warum er angeblich keinen Führerschein hatte. „Hab’s halt nicht gebraucht“, behauptete er. „Wir hatten auch einen Fahrer.“ Das stimmte nur so halb, aber immerhin. Zur Schule war er tatsächlich manchmal gefahren worden. Aber bevor er noch mehr sagte, an dem man seine Lüge würde erkennen können, hielt River lieber den Mund, was dieses Thema anging. „Okay, wenn dein Opa auch fahren würde. Dann kommen wir ja irgendwie hin.“


Am Tisch sitzend schaute er Adrian zu, wie der routiniert Essen machte. River hatte noch nicht ein einziges Mal in seinem Leben selber Abendessen gemacht. Wozu auch, wenn es dafür Angestellte gab, die einem alles abnehmen wollten? Vielleicht hätte River doch gern kochen gelernt, aber es hatte sich nie ergeben. Immerhin konnte er sich selber Kleinigkeiten machen. Und wenn nicht, es gab Internet. Wie hatte man vorher nur ohne leben können?


Was weiß ich denn, was ihr hier macht!“, meinte er sichtlich frustriert. „Banjo spielen und eure Cousins heiraten?“ So ländlich war es nun auch wieder nicht, aber der Gegensatz zu Rivers Geburtsstadt war schon erheblich. „Am Strand war ich noch nicht“, sagte er nun etwas ruhiger. Viel hatte er sich von diesem Städtchen noch nicht angesehen, weil es seiner Meinung nach auch nicht sehr viel zu sehen gab. Dafür kannte er die Umgebung um das Haus seiner Familie mittlerweile wie seine Westentasche. Die Luft war hier so viel besser.


Kino war nicht drin, wenn er nicht fragen wollte, ob ihn jemand fuhr. Aber bis eben hatte River auch gar keine Ahnung gehabt, dass es eines in der Nähe gab. Und wenn er doch fragte? Sollte er sich dann einen Film zusammen mit Onkel und Tante ansehen? Family activities waren nun nicht unbedingt etwas, auf das er Bock hatte. Alleine hingehen allerdings auch nicht. The Water Man wäre vielleicht interessant gewesen, der lief gerade, auch wenn River vielleicht schon ein bisschen zu alt dafür wäre. Er war sich nur nicht sicher, ob er den Film aushalten könnte. Ansonsten gab es immer noch für stumpfe Action Godzilla, wenn man für 90 Minuten nicht nachdenken wollte. Er hätte Adrian fragen können, ob er sich mit ihm etwas anschaute. Direkt nach diesem Gedanken brach sein inneres Ich in Gelächter aus. Ne. Eher würde es in der Hölle ein kalter Tag werden.


Den Kuh-Kommentar ignorierte er gekonnt. Vielmehr ergriff er den dünnen Grashalm einer Unterhaltung, die ein wenig mehr Substanzpotential aufwies. „Manuelinik“, kam es sehr schnell, und gleichzeitig erwartete River nicht, dass Adrian irgendwas damit anfangen konnte. „Amerikanische Neugotik mag ich auch, aber das ist eher klassisch und mehr mainstream. Manuelinik ist verspielter. Es erzählt eine Story. Nicht so wie das, was wir hier haben.“ Und es passte so schön zu den Welten, die er sich ausdachte, zu den Geschichten. Gotik oder Romantik wäre vielleicht der Klassiker für so etwas gewesen, aber das konnte jeder. Klar, hatte auch River sich seine ersten Burgen und Schlösser in diesen Stilen vorgestellt, aber dem war er schon lange entwachsen. „Du weißt bestimmt nicht mal, was das ist.“ Das war noch nicht einmal als Vorwurf gemeint, sondern als Feststellung. Wer in ihrem Alter beschäftigte sich normalerweise schon mit Architektur? Nun, eventuell ein Zeichner. Aber Gebäudezeichnungen hatte er in den paar Minuten oben in Adrians Zimmer nicht entdecken können. War wohl nicht so sein Ding.


Wichtige Entscheidungen bezüglich des Essens mussten anscheinend getroffen werden. „Ein bisschen scharf ist okay.“ Er verstand die Leute nicht, die sich die schärfsten Sachen reinhauten, die sie nur finden konnten. War doch Blödsinn. „Und du?“ Er kam sich so blöd vor, wie er einfach hier saß und gezwungen war zu warten, ohne wirklich etwas zu tun zu haben. „Wie lange braucht das Essen?“ Nicht, weil er so furchtbar hungrig war, sondern weil er einfach etwas zu tun brauchte, damit er nicht mehr untätig hier rumsitzen musste, in einem fremden Haus, an einem fremden Tisch mit einem relativ fremden Menschen.